Hong Kong und das Ende einer Reise

Die Ankunft des Cathay Pacific-Fluges in Hong Kong war fruehmorgens, noch vor Sonnenaufgang. Da wir eine der ersten Maschinen ueberhaupt waren, die landeten, ging es bei der Passkontrolle auch schoen schnell. Mein Ziel war nun, den Bahnhof zu finden und ein Ticket in die Stadt zu kaufen.Das war leichter getan als gesagt, da Hong Kongs Flughafen sehr modern und erstklassig beschildert ist. Gluecklicherweise findet man unter den chinesischen Schriftzeichen durchgehend englische Uebersetzungen:-) Der erste Zug wuerde in einer halben Stunde fahren; noch waren die Bahnsteige mit Rolllaeden verbarrikadiert.Puenktlich auf die Minute rollte der Zug, wie die Skyline des Frankfurter Flughafens, hinter Glasscheiben ein. Die Tueren des Zuges befinden sich exakt hinter den Glasschiebetueren, die sich automatisch alle zeitgleich oeffnen.Waehrend der Fahrt daemmert es draussen und ich nehme erstaunt zur Kenntnis, dass die Gegend sehr bergig und sehr gruen ist. Ziemlich hoch und steil sogar, was sich mir da auftut!Mein Zielbahnhof heisst 'Hong Kong'. Die Stadt besteht aus mehreren Teilen: einem Festlandteil, 'Wan Chai', und mehreren Inseln, von denen Hong Kong Island die groesste und wohl auch bedeutsamste ist. Die markante Skyline der Stadt befindet sich dort, sowie auch das Crewhotel der Lufthansa, das ich nun ausfindig machen wollte.
Dem Stadtplan, den ich mir noch am Flughafen zu Eigen gemacht hatte, entnahm ich, dass es vom Bahnhof zum Hotel noch gute drei Kilometer waeren. Das Glueck war auf meiner Seite: am Metrobahnhof wartete ein kostenloser Shuttlebus, der die Passagiere zu ausgewaehlten Hotels chauffierte. Wie nicht anders zu erwarten, stand auch das Crewhotel auf der Liste:-) Etwas fehl am Platze kam ich mir schon vor, als ich in ausgefranster Jeans und Flipflops sowie meinem Drizabone-Outbackmantel und mit Rucksack auf dem Ruecken aus dem Bus ausstieg und auf das noble grosse Gebaeude zusteuerte - und dann auch noch ein geschniegelter Page in weinroter Uniform hinzukam, um mir die in Gold eingefasste Glastuer zu oeffnen und offen zu halten, bis ich durch war! Innen im Hotel fuehrt erstmal eine Rolltreppe hoch zur Lobby, neben der sich Rezeption, Concierge und Bell Captain befinden (ich weiss immer noch nicht genau, wer wofuer zustaendig ist:-). Ich behaupte, gespuert zu haben, wie die Blicke des Personals und der anderen Gaeste meine unangemessene Erscheinung durchbohrten - nachdem ich jedoch an der Rezeption erklaert hatte, ich sei hier mit meinem Vater verabredet, der mittags mit der Lufthansa-Crew aus Frankfurt eintreffen wuerde, war man ausserst zuvorkommend und bot mir an, meinen Rucksack beim Gepaeckaufbewahrungsservice unterzustellen. Dieses Angebot nahm ich gerne an, da der Rucksack mit der Zeit immer schwerer zu werden schien.

Den Vormittags verbrachte ich teils damit, die Umgebung des Hotels zu erkunden, Tai Chi-ausuebende Chinesen in diversen Parks zu beobachten, zu fruehstuecken und mich in den bequemen Sesseln der Hotellobby auszuruhen.Gegen Mittag traf dann die Lufthansa-Crew ein und ich sah Papi nach einem Jahr wieder! Aus den Augenwinkeln hatte ich ihn gerade schraeg hinter mir erspaeht, aber zum Umdrehen blieb mir keine Zeit mehr: er hatte mich bereits von hinten gepackt und hielt mich in seinen Faengen fest. Das war schoen!!! Da er sich nachmittags vom langen Flug ausruhen wollte, erkundete ich nochmal die Gegend und gelangte auf einen chinesischen Markt mit Lebensmitteln, denen man die Herkunft noch deutlich ansah.
Abends fuhren wir mit einem Bus eine enge, steile Bergstrasse hinauf, ueber den Pass und auf der anderen Seite wieder hinunter zu den Stanley Markets. Die Fahrt war wunderschoen, auch wenn die Berge teilweise wolkenverhangen waren und wir auch durch diese hindurchfuhren.Da Hong Kong flaechenmaessig begrenzt ist, baut man dort in die Hoehe. Fuer deutsche Augen sind die hohen Wohnhaeuser bedenklich schlank; wie Schaschlikspiesse ragen sie auf. Einige sehen aus wie der 'Grande Arche' in Paris - die freie Mitte ist ein Feng Shui-Fenster, durch welches die boesen Geister hindurchfliegen koennen, ohne durch die Wohnungen zu muessen und diese so heimzusuchen. Da Hong Kong Island eigentlich nur aus Gebirge besteht, ist der Bauplatz natuerlich begrenzt: frueher muss es wunderschoen ausgesehen haben: das blaue Wasser, dann ein paar Gebaeude, hinter denen steil und hoch die regenwaldbewachsenen Berge aufragten.Heute schuettet man zusaetzlich Land vor der natuerlichen Kueste auf, und das hoechste Gebaeude Hong Kongs erreicht die Hoehe des hoechsten Berggipfels. Wo bleiben da die Dimensionen?
An diesem Abend reservierten wir noch Plaetze fuer morgen in einem Restaurant, in dem ein Teil der Crew 'beggar chicken' essen wollte. Anschliessend fuhren wir mit der Faehre rueber nach Wan Chai, wo wir in einem Restaurant fast an der Spitze eines Wolkenkratzers zu Abend assen. Erst schuettete es wie aus Eimern, aber puenktlich um viertel neun hoerte es auf, und wir konnten die allabendliche 'light show' bestaunen, die sich uns vom Ufer Hong Kong Islands bot: die vielen Gebaeude stahlen sich gegenseitig die Schau (oder ergaenzten sich, wie man's nimmt), indem sie mithilfe von Laserstrahlen unglaubliche Lichteffekte und -spiele erzeugten. Wahnsinn! Nach einer Viertelstunde war das Spektakel vorbei, aber auch die normale bunte und helle Nachtbeleuchtung der Hochhaeuser fesselte immer wieder den Blick des Besuchers.
Am naechsten Morgen fuhren wir erneut mit der Faehre nach Wan Chai, und stiegen dort in die Metro, um den groessten buddhistischen Tempel Hong Kongs zu besuchen. Dort roch es stark nach Raeucherstaebchen; da viele Glaeubige zeitgleich eine ganze Hand voll waehrend des Gebets entzuendeten. Ausserdem fuhren wir oefters mit der einwaggonigen, doppelstoeckigen Strassenbahn, deren einfache Fahrt 20 HKG-Cent kostet, egal, wie weit man faehrt, und deren Fenster sich auch im Obergeschoss oeffnen lassen und aus denen man sich so weit hinauslehnen kann, wie man moechte. Stoert niemanden.Abends ging ein Teil der Crew (wir waren zu acht) 'beggar chicken', Bettlerhuhn, essen. Dazu wird ein Huhn in Alufolie gewickelt und mit Lehm umhuellt, bevor es stundenlang gegart wird. Beim Servieren schlaegt man dann mit einem Hammer die harte Lehmkruste auf und wickelt das Huhn aus. Hat gut geschmeckt, und vor allem war das Fleisch ganz zart! Anschliessend fuhren Papi, der Copilot Helge und ich mit einer Strassenbahn ein steiles Ende zum Victoria Peak hinauf. Von oben hat man einen gigantischen Ausblick ueber die ganze Stadt, die wie ein riesiges Lichtermeer, unterbrochen nur durch das schwarze Wasser des Meeres, zu unseren Fuessen lag.
Zu guter Letzt sahen wir uns noch eine Stunde im Vergnuegungsviertel der Stadt um, bevor wir mit der Strassenbahn zum Hotel zurueck fuhren und in den Sesseln der Lounge einer Live-Band zuhoerten.19.April. Papi wollte bis zum 'wake-up', dem offiziellen Weckruf fuer die gesamte Crew, ausschlafen, um fuer den langen Flug geruestet zu sein. So lief ich noch ein letztes Mal durch den Grossstadtdschungel von Hong Kong Island, betrachtete ein letztes Mal den berufsverkehrbedingten Stau, schoss noch einige Fotos und besorgte Muffins zum Fruestueck.Dann ging's mit dem Crewbus ab zum Flughafen!
Dort wurde mir aergerlicherweise eine furchtbare Dame aufgehalst, die wohl die Freundin einer Stewardess war und diese begleitet hatte. Jedenfalls war sie schrecklich unbeholfen und konnte kein Englisch, sodass es letztendlich darauf hinauslief, dass ich fuer sie uebersetzen musste. Natuerlich hatte sie dann auch noch einen zerlegten Bilderrahmen dabei, den sie unter gar keinen Umstaenden mit ihrem Koffer zusammen aufgeben wollte, sondern der unbedingt mit in die Kabine sollte.Auf den Hinweis an der Gepaeckkontrolle, dass der Rahmen die zulaessigen Masse ueberschreite und viel zu gross fuer die Kabine sei, reagierte sie nur mit dem dreimaligen Ausruf, sie sei Angehoerige der Crew und das MUESSE ja wohl gehen.Ich uebersetzte ihr, dass wir zurueck zum Check-In gehen und uns eine Sondergenehmigung geben lassen sollten, was sie zuerst ablehnte mit der Begruendung, es sei eine Zumutung, uns zurueckLAUFEN zu lassen, bloss weil hier irgendeine Angestellte nicht akzeptierte, dass Mitglieder der Crew (ihrer Auffassung nach) Sonderrechte haben. Schliesslich ueberzeugte ich sie doch noch, indem ich sagte, die Zeit wuerde knapp und ich selbst wuerde mich gleich zum Gate begeben. Da gab sie nach.
Hatte ich gehofft, sie beim Einsteigen abzuschuetteln, so lag ich falsch. Zwar hatte ich eine Bordkarte fuer die Business Class und sie eine fuer die Eco - das hinderte sie jedoch nicht daran, sich beim BusinessClass-Aufruf ebenfalls einzureihen. Sie habe ja schliesslich eine Bordkarte und deshalb koenne niemand sie am Einsteigen hindern, und ueberhaupt - sie allein bestimme, wann sie das Flugzeug betreten wolle.
Im Flugzeug drin entwischte ich ihr dann, indem ich mich schleunigst die Treppe hinauf verdrueckte, um waehrend des Starts im Cockpit zu sitzen. Spaeter begab ich mich dann zu meinem Sitzplatz, schaute mir diverse Filme an, spielte 'Wer wird Millionaer' auf der Bordkonsole, und lernte Englisch mit einem Anfaenger-Lernprogramm. Jetzt kann ich die Zahlen von eins bis zwanzig und die wichtigsten Saetze, die man waehrend einer Reise braucht. Mit dem Sitz konnte man auch herumspielen, da er sich wie ein Zahnarztstuhl annaehernd in die Waagrechte legen liess:-)
Was ich nur ueberhaupt nicht verstand, war die Sache mit der Zeit: wir waren mittags gestartet (Ortszeit) und sollten um 19.20 Uhr deutscher Zeit, also gegen ein Uhr nachts nach HKG-Zeit, in Frankfurt landen. Ein Tagflug mit spaeter Landung also. Nach dem Start wurde warmes Essen serviert, Mittagessen in meinen Augen. Danach wurden allerdings die Kabinenleuchten ausgeschaltet und die Menschen schlossen die Sonnenblenden an den Fenstern und schliefen!!! Warum??? Ich verstand es nicht - dann waren sie doch abends, wenn wir in Frankfurt landeten, ausgeschlafen!Etwa drei Stunden vor der Landung wurde tatsaechlich Fruehstueck (17 Uhr deutscher Zeit!) serviert! Anschliessend begab ich mich umgehend ins Cockpit, um Europa von oben zu betrachten (unten in der Kabine hatte ich einen Mittelplatz gehabt), und um die Landung im Cockpit zu erleben. Dort erzaehlte ich den dreien erstmal von der, ja, Aufforderung an die Passagiere, sich schlafen zu legen. Sie verstanden es auch nicht. Wie anders sah doch Europa von oben aus, verglichen mit Australien! Wir naeherten uns Frankfurt ueber Moskau, Polen und Berlin. Alles sah so kultiviert, so dicht besiedelt, und vom Ackerbau gepraegt, aus. Waehrend der Landungsvorbereitung begann irgendetwas im Cockpit zu piepen. Ich hatte dieses Geraeusch noch nie gehoert; die Crew aber scheinbar auch nicht, was mich amuesierte:
Captain: "Was piept denn da?"
Copilot: "Keine Ahnung, weisst du es nicht?"
Captain: "Noe, weiss ich jetzt auch nicht."
Somit wurde das Piepen zu seinem Aerger ignoriert, sodass es auch bald wieder schwieg.Ich fand es nur schade, dieses Gespraech nicht aufgezeichnet zu haben, immerhin hatte ich meine Kamera auf dem Schoss. Dafuer drehte ich ein Kurzvideo von der Landung:-)

19 Uhr. Ueberpuenktliche Landung in Frankfurt/Main. Die Passkontrolle geht schnell, da fuer EU-Buerger doppelt so viele Durchgaenge geoeffnet sind wie fuer 'Sonstige'. Hinter der Gepaeckannahme holt mich Mami ab. Aeusserlich hat sie sich in dem einen Jahr ganz schoen veraendert, die Haare sind kinnlang geworden, so kenne ich sie gar nicht:-) Trotzdem erkennen wir uns wieder:-) und schliessen uns in die Arme.
Epilog: "Das Schoenste, was der Mensch hat, ist seine Freiheit." Dieser Satz stand auf einem Willkommensposter, und wenn ich an die Zeit in Australien, in der ich ungebunden war, zurueckdenke, kann ich das nur bestaetigen. Egal, wie man fuer sich selbst Freiheit definiert. Das Eingewoehnen in Deutschland war teilweise recht schwierig, vor allem der Rechtsverkehr war gewoehnungsbeduerftig. An ihn traute ich mich die erste Woche nur mit dem Fahrrad heran, und selbst da war es manchmal verwirrend. Ausserdem war es komisch, dass ploetzlich alle Welt Deutsch sprach. Dass ich oft noch auf Englisch dachte fuehrte dazu, dass mir deutsche Woerter nicht auf Anhieb einfielen. Inzwischen habe ich damit keine Schwierigkeiten mehr, was ich manchmal sogar bedauere.
Auch vermisste ich es, unter Menschen zu sein. Natuerlich kann man ein "normales" Privatleben nie mit einem Leben in Hostels vergleichen, in dem man tagtaeglich neue Leute trifft und immer Menschen da sind, mit denen man sich unterhalten und Erfahrungen austauschen kann.Obwohl ich vieles aus Australien vermisse (in einem Jahr denke ich sicher anders, aber noch sind die Erinnerungen so frisch und lebendig) bin ich dankbar, dass ich eine fremde Kultur so lange und so intensiv erleben durfte.
Auf jeden Fall habe ich viel gelernt, nicht nur, was Daten und Fakten betrifft, sondern vor allem ueber Menschen. Diese Erfahrung vermag ich mit nichts gleichzusetzen, was ich ansonsten bisher erlebt habe.Ich denke, dass man ueberall gluecklich leben kann, solange man sich und seine Umwelt und Mitmenschen respektiert und mit sich selbst zufrieden ist, indem man etwas schafft, das einem einen Weg, ein Ziel und damit einen Sinn gibt.
In diesem Sinne: Hoo-roo, mates!

Weiter ging's durch ein dunkles Industriegebiet zu den 'Rocks', dem Stadtteil, das Sydneys Anfaenge wiederspiegelt. Nachts in den steilen holprigen Strassen der 'Rocks'; da konnte ich mich ploetzlich problemlos in der Handlung von "Abby Lynn" wiederfinden! 

